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Salonwagen
der Moseltalbahn
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Kurt Tucholsky
Reisebericht von einer Fahrt mit der Moseltalbahn 1929An der Mosel ging es noch an.
Wir soffen uns langsam den Fluß hinab, wir fuhren mit dem Saufbähnchen
von Trier nach Bulley hinunter, und auf jeder dritten Station stiegen
wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre. Es war. Wenn wir das
festgestellt hatten, stiegen wir wieder ein: der Zug führte einen
Waggon mit, der sah innen aus wie ein Salonwagen, von hier aus hätte
man ganz bequem Krieg führen können, so mit einem Telefon auf dem
Tisch, mit dicken Zigarren und: »Seiner Majestät ist soeben der
Sturmangriff gemeldet worden.« Wir führten aber keinen Krieg, sondern
drückten auf die Kellnerin, und dann erschien ein Klingelknopf, oder
umgekehrt, und dann konnte man auf dem langen Tisch einen naturreinen
Mosel trinken und dabei Würfel spielen. Und es entstanden in diesen
Bahnstunden die Spiele:
Lottchen dick
Spix ist stolz
und:
Georgine, die ordentliche Blume
sowie:
Karlchen und die Rehlein –das
letztere Spiel zur Erinnerung an Karlchen seine Liebesabenteuer im
freien, frischen, frommen Walde, wo ihm einmal die kleinen Rehlein
zugesehn hatten. Ich verlor auf das Grauenerregendste und mußte immer
bezahlen. Aber so ist alles.
Bernkastel, Traben-Trarbach, Bulley
... dann aber setzten wir uns in einen seriösen Zug und fuhren nach
Kolbenz. (Diese Aussprache wurde adoptiert, falls Jakopp ein
künstliches Gebiß hätte: es spricht sich leichter aus.) In Kolbenz
tranken wir der Geographie halber einen Rheinwein, und der konnte Papa
und Mama sagen, wir aber nicht mehr. Am nächsten Morgen – es war ein
Sonntag hell und klar – gingen wir spazieren.
Auszug aus "Denkmal am Deutschen Eck" Die Weltbühne, 14.01.1930, Nr. 3, S. 94
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Hotel
"Zu den drei Königen"

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Rast im Hotel "Zu den drei Königen"
Die Uhr war gar eine Uhr, sondern ein Rabe; aus dem Schnabel fiel
ihm ein weißer Zettel heraus, auf dem stand die Stundenzahl, in den Krallen
hielt er zwei kleine Zettel, darauf standen die Minuten, und alle Minuten
klappte ein neues Blatt herunter: schnapp! 8 – schnapp! 9 – schnapp! 10 ...
Es war genau 5 Uhr 10.
Die Kellnerin nannten wir die ›Tochter der Legion‹, und sie hieß Marietta.
Sie war so schön, daß mir, als ich sie an diesem Nachmittag zum ersten Male
sah, die Pfeife ausging; das geschieht alle Jahr nur dreimal: diesmal also
in den »Drei Königen« zu Bernkastel – so schön war sie. Sie war
schwarzhaarig, sie hatte eine leichtgeschwungene Nase, dünne Lippen und
eine herrliche Stirn; sie stammte, wie sie uns leise erzählte, aus Bayern,
dort sehen ja manche Frauen und Mädchen römisch aus; vielleicht sind das
Überbleibsel vom Familienleben der römischen Legionäre, die dort einmal
garnisoniert gewesen sind ... und daher nannten wir sie ›Die Tochter der
Legion‹.
Drüben am Stammtisch saß ein einsamer, blonder, junger Mann.
»Das ist der Herr Referendar«, sagte Fräulein Marietta. Wir nahmen dies zur
Kenntnis und stiegen in den Mosel – erst in den offenen, dann in einen
jungen, frischen, dann in einen alten, goldgelben, der sehr schwer war. Es
ging schnell mit uns; Mosel ist kein so bedächtiger Wein wie der Rheinwein
oder der Steinwein ... es ging sehr schnell. Wir hatten auch schon am
frühen Nachmittag gemoselt – wir tranken vom Mittagessen unmittelbar in den
Dämmerschoppen hinüber, vielleicht war es das. Karlchen und Jakopp tranken,
was sie konnten – und sie konnten!
Ich saß da, zündete mir die Pfeife an,
die ausgegangene, rauchte ... und sah Marietta an, ich sah sie immerzu an.
Sie bemerkte das und lächelte. Wenn sie lächelte, glitt ein Schlänglein um
ihren Mund, etwas Lauerndes war da, ein fast böses Fältchen bildete sich um
die Augen ... ich sah sie immerzu an. Nicht ich allein sah sie immerzu an.
Der Herr Referendar sah uns immerzu an. Sie, wie wenn er sie träumte; mich,
wie wenn er mir böse sei ... Wahrscheinlich war er mir böse.
Dieser Mosel
hatte es in sich. Karlchen erhob sich, um auf der Mosel »Kahn zu fahren«,
wie er verkündete. Es war oktoberkalt und ein Unfug, jetzt auf der Mosel in
einem Boot zu fahren. Das teilte ich Jakopp mit; er gab mir völlig recht
und erhob sich demgemäß, um gleichfalls Kahn zu fahren; denn, sagte er,
dies sei überhaupt nicht die Mosel – dies sei der Main. Er wisse das:
Bernkastel liege am Main.
»Er will mich heiraten«, flüsterte Marietta und
glitt an mir vorbei. Hatte sie das gesagt? Der Referendar sah herüber ...
Die Mosel liegt nicht am Main ... das ist ein Irrtum, ein geopolitischer
Irrtum ... Marietta ... Fräulein Marietta –
Einer von uns hat sie geheiratet; wer: das ist nicht genau zu
erkennen. Dieser Ehemann hat keinen Kopf. Er hat sie geheiratet, und ich
weiß, wie das ist, wenn man sie geheiratet hat. Wenn man sie nackt sieht,
ist sie nicht sehr schön – sie hat so ein kurzes Untergestell. »Wie können
Sie Lümmel sich erlauben, von meiner Frau Untergestell zu sagen –?« Hat
aber doch ein kurzes Untergestell. Sie gibt dem Ehemann, dem kopflosen, zu
trinken; es macht nie satt, sie zu trinken – es ist herrlich, aber man
bleibt ewig durstig. Schön, wie? Gar nicht schön, was? Sie ist nußbraun am
Körper und hat einen fremden Geruch. Die Tochter der Legionäre ... Ist das
ein Film? Nein, das ist eine Ehe.
... zu sich heraufziehn.
»Man kann doch«, sagt die kopflose Figur, »eine
Frau zu sich heraufziehn. Man kann doch eine Frau zu sich heraufziehn.« Da
lachen ja die Raben, Mensch! Man kann keine Frau zu sich heraufziehn! Die
Frau zieht dich zu sich hinab? Hinab.
Erst geht es ganz gut, weil du verliebt bist, und weil du trinken willst,
trinken. Und dann geht es nicht mehr so gut: sie lacht dich aus, wenn du
deine Bücher liest; sie langweilt sich, wenn du deine Geschichten erzählst;
du langweilst dich, wenn sie die ihren erzählt, die Tochter der Legionäre –
übrigens ist sie dumm, gerissen und unbeirrbar abergläubisch ... und dann
kommt das Schlimmste: dann kommen die andern.
Da kommen ihre Freundinnen, die Puten und Gänse; was sind das nur für
schreckliche, dicke Frauen, die sie da angeschleppt! Eine Tante? In Gottes
Namen, eine Tante ... Und dann kommen die Deinen, junger Ehemann, und gehen
um Fräulein Marietta herum und – sei nicht böse! – riechen an ihr, wie ...
ja, und dann schütteln sie den Kopf: es ist ein fremder Geruch, und das
Nußbraune gefällt ihnen nicht mehr, seit sie wissen, daß es keine Schminke
ist – man kann niemand verpflanzen. Nein, das kann man wohl nicht. Da steht
ihr.
Da steht ihr wie zwei Porzellanfiguren auf einem runden Untersatz, und alle
halten kleine Sternchen in der Hand und wollen nach euch werfen. Da steht
ihr; allein, isoliert, in einem prasselnden Licht von Hohn, Schadenfreude
und Ironie. »Wie geht es Ihrer Frau?« Immer seltener wird diese Frage – sie
wollen deine Frau nicht. Worauf du aus Trotz zu ihr hältst. Aber sie sind
in der Überzahl, sie haben die Majorität, also haben sie recht, und du
Feigling verrätst deine Frau an die andern, nun siehst du sie mit den Augen
der an dern und siehst:
die Kellnerin.
Ist denn ein anderer Stand eine andre Rasse? Kommt es nicht auf den
Menschen an? Ja, es kommt auf den Menschen an. Aber du bist gewarnt worden!
Sie hat damals – in den »Drei Königen« zu Bernkastel – einmal zu dir,
Referendar, gesagt: »Kennen Sie das, Rosel von der Mosel, du goldig
Mägdelein, von Tenor Völker? Wir haben es auf dem Grammophon
... « und es ist dir kalt über den Rücken gelaufen, denn du hast ja damals
schon gewußt: eine dauernde Bindung zu einer Frau ist nur möglich, wenn man
im Theater über dasselbe lacht. Wenn man gemeinsam schweigen kann. Wenn man
gemeinsam trauert. Sonst geht es schief; sonst geht es schief; sonst geht
es schief. Du bist gewarnt worden. Du hast nicht gehört. »Rosel von der
Mosel ... « Pfui Deibel. Wie süß war das Fältchen, damals! Wie gemein sie
lacht, heute! Und nun wird sie voller, wir wollen nicht sagen: dick, aber
voller ... warum, Referendar, Assessor, Anwalt, hat sie dich geheiratet?
Lüge! Lüge! Du hast sie gewollt! Sie war ein bißchen schwer zu haben,
damals; weinrot angelaufene Stammtische haben sie bewiehert, sie zärtlich
beklapst, jeder hat zum mindesten einmal gewollt. Hat er gedurft? Hart ist
ihr Herz geworden und verhärtet – sie denkt nicht gut von den Männern, aber
vielleicht gut von einem, den du nicht kennst. Von dir? Pa! Ihr Blick weiß
Bescheid; sie ist hart zu dem Dienstmädchen, das für sie arbeiten muß, sie
hat kein Mitleid. Im Gegenteil, sie fühlt die Hierarchie. Aber noch im
Vergeltungshaß ist sie mit jener verschwistert, der Kampf geht von gleich
zu gleich, und sie steht auf dem Fußbänkchen deines Staatsexamens und
deines Titels. Aber man hört doch manchmal, daß solche Ehen auch schon gut
gegangen ...
Warum hat sie nicht einen braven Mann geheiratet? Den Zapfer, der immer am
Büfett stand, und der sich schon eine ganze Menge zusammengespart hatte –
er wollte mit ihr eine Wirtschaft aufmachen ... Aber natürlich, einen
braven Weinwirt von der Mosel hätte sie heiraten sollen, einen aus ihrem
Stand ... Ist das deine Anschauung von den Klassen?
Das ist doch Wahnwitz:
Frankreich hat Frauen gesehn, die sich zu königlichen Ehren hinaufgeküßt
haben – aus dem Schweinekoben ihres Herrn Papa direkt nach Versailles,
warum sollte nicht ... ? Ja, Frankreich. Du hast es nicht geschafft,
Anwalt, du hast es nicht geschafft. Dich ekelt vor ihr. Kinder? Schüttele
dich! Kinder von ihr? Von der – Kinder? Am Ende auch solche Huren. Sags
doch! Huren! Denn sie ist dir weggelaufen, Gott sei Dank, weggelaufen – sie
hat dir einen Brief dagelassen, und du hast ihn zerrissen, in der ersten
Wut, aber du kannst ihn auswendig, jedes Wort ist in deine Seele gebrannt,
sie hat dir alles gesagt: was du für einer bist, wie sie über dich denkt,
über deine Leute, über deine Bücher, über deine Musik, über dein Leben ...
Und mit wem sie dich betrogen hat, und wo! Wo nicht? Mit wem nicht?
Eine –
»Fräulein Marietta!«
Wer hat gerufen? Habe ich gerufen? Vielleicht hat der Referendar gerufen.
Er möchte Wein haben. Es ist graudunkel.
Sie steht bei ihm und beugt sich über ihn; man weiß nicht, ob es zärtlich
ist oder nur so aussieht. Sagen wir: zärtlich. Wo sind Karlchen und Jakopp?
Hoffentlich ertrunken. Schwer war der Mosel. Ich muß wohl etwas eingedruselt sein. Ich sehe auf die Rabenuhr. Es ist genau 5 Uhr 13.
Will einmal sehen, wo die beiden andern sind ... Richtig ja: bezahlen.
»Fräulein Marietta!« – Sie kommt, sie lächelt und ich sehe sie an. Ihr
Profil ist schön wie eine jener Gemmen, gefunden in den alten Siedlungen
der kaiserlich-römischen Legion.
Fräulein Marietta
Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Band 8, Reinbek bei
Hamburg 1975, S. 155-156,164-167
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